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Landesgartenschauen verschaffen Vorsprung

Ergebnisse eines Experten-Workshops zur Bewerbung niedersächsischer Kommunen um die künftige Ausrichtung einer Landesgartenschau in Hannover

Das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung war am 2. November 2010 Gastgeber der insgesamt fast 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Landesgartenschauworkshops und sicherte den Bewerberkommunen seine Unterstützung bei der Erschließung von Fördermöglich-keiten zu – Alexander Burgath, der zuständige Gartenbaureferent im Landwirtschafts-ministerium sagte wörtlich: „Wir lassen die Kommunen nicht allein!“

Die Fördergesellschaft Landesgartenschauen Niedersachsen (FLN) hatte Veranstalter bisheriger Landesgartenschauen nach Hannover eingeladen, um von ihren Erfahrungen  zu berichten und Interessenten gebeten, ihre jeweiligen Ansätze und Überlegungen zu diskutieren. Die nächsten Landesgartenschauen in Niedersachsen sind für 2014 und 2018 geplant, mit einem im Regelfall siebenjährigen Vorlauf beim Bewerbungsschluss. Im Einzelfall sei man aber bereit, auf beispielsweise „Jubiläen“ oder andere Rahmenbedingungen einzugehen, signalisierten das Land und die Fördergesellschaft, Abweichungen seien also „gut begründet“ möglich.

Gartenschauen sind nach seinen Erhebungen und Erfahrungen ein „multifunktionales“ Instrument von Standortentwicklung und Stadt- und Standortmarketing, so Dr. Christoph Hauser, Landschaftsarchitekt aus Wien, in seinem einführenden Vortrag. Der Geschäftsführer der Gartenschauen Vöcklabruck 2007 und Ansfelden 2011 in Österreich und Autor einer Dissertation zum Thema: “Wann Gartenschauen für Kleinstädte nützlich sind“, fasste die zahlreichen positiven Effekte dieses Instruments zusammen und betonte, Gartenschauen könnten dabei helfen, erkannte strukturelle und räumliche Defizite auszugleichen. Hauser mahnte dazu „ausreichende Vorbereitungszeit“ an. „Was muss sich in meiner Stadt verändern?“, sei die zu stellenden Frage, wenn man erwäge, sich um die Ausrichtung zu bewerben. Als Punkte, die zu einer Bewerbung motivieren könnten, nannte er die neuen städtebaulichen Impulse, die sich bereits aus einer Machbarkeitsstudie ergeben würden, modernisierte Ansätze für ein Standortmarketing und die Förderung des Tourismus. Zudem empfanden nach seinen Recherchen die Bewerber das „geschenkte Geld“ über die Erschließung zusätzlicher Förderungen (und da, wo es sie gibt, auch spezielle Gartenschauförderung) attraktiv, sie freuten sich über zusätzliche Grünflächen, über die Möglichkeiten, die Verantwortlichen politisch zu profilieren, über das sommerlange Fest am Standort sowie die wirtschaftlichen Auswirkungen durch den Bau der Gartenschau, die oft zu einem kleinen regionalen Wirtschaftsförderungsprogramm gerieten.

Vertreter, zumeist Bürgermeister oder Planungs- und Tourismusbeauftragte der Städte Helmstedt, Papenburg, Syke und Cloppenburg und der Gemeinden Sögel und Bruchhausen-Vilsen sowie Wiesmoor erfuhren in Hannover, warum Winsen – trotz eines Defizits im Durchführungshaushalt – immer noch sagt, dass die Landesgartenschau „das Beste“ gewesen sei, was der Stadt habe passieren können, so Angelika Bode, Bürgermeisterin der Stadt Winsen/Luhe.

Wie der Erfolg der gerade zu Ende gegangenen Landesgartenschau Bad Essen 2010 trotz einen schmalen Etats und extrem kurzer Vorbereitungszeit möglich war, erläuterten Günter Harmeyer, Bad Essens Bürgermeister und Vorsitzender des Aufsichtsrates und Geschäftsführer Heinrich Sperling. Der  wies darauf hin, dass eine breite politische Zustimmung, eine gute Zusammenarbeit auf allen Ebenen, ein maßstäbliches und auf den Standort zugeschnittenes Konzept und ein qualifiziertes und sehr sparsames Kostenmanagement zum Erfolg beitrügen. Auch sei durchaus gelegentlich auch eine komprimierte Vorbereitungszeit, ohne fachliche Maßstäbe außer acht zu lassen, nicht nur problematisch. Sperling betonte, dass es dann wichtig sei, ein professionelles erfahrenes Team zu haben, das so etwas „nicht zum ersten Mal“ mache. Er wies darauf hin, dass bei einer derartigen Terminlage alle „an einem Strang ziehen“ müssen und „auf ein Ziel hinarbeiten“, dann fielen Entscheidungen aber auch zügig, das sei durchaus von Vorteil. Zudem sei angeraten, vorher die Erwartungen beispielsweise in Bezug auf die Besucherzahlen nicht zu hoch zu schrauben, besser sei es, „eine Spanne zum Erfolg zu lassen“. Die sehr schwierigen Wetterbedingungen, vor allem das Unwetter in Bad Essen Ende August, hätten zu Besuchereinbrüchen geführt. Sonst, so Sperling, wäre das Ergebnis sicher noch besser gewesen. Er betonte, dass die „schwarze Null“ infolge der anfangs konservativen Kostenansätze aber trotzdem erreicht würde. Gartenschauen schafften in jedem Fall einen „Vorsprung gegenüber anderen“, so Sperling, für den Bad Essen bereits seine zehnte Gartenschau war. Dazu allerdings wären „ehrliche Zahlen“ erforderlich – letztlich entschieden jene, die „mit ihren Füßen durch den Kassenbereich gehen“, über den wirtschaftlichen Erfolg einer Gartenschau.

Auch Bürgermeister Michael Esken aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Hemer, die in diesem Jahr ebenfalls eine Landesgartenschau ausgerichtet hatte, warb für das Instrument Landesgartenschau. „Es war eine fantastische Zeit!“, schwärmte er. „Die Gartenschau hat uns 20 bis 25 Jahre Vorsprung in unseren Investitionen und im Standortmarketing verschafft.“ Wiesmoor, das zunächst seinen Zuschlag zurückgab und für das Bad Essen einsprang, zeigt sich weiter an der Ausrichtung einer Gartenschau interessiert. Dessen Leiter der Wirtschaftsförderung, Gerold Schoon, erklärte, allein die Machbarkeitsstudie und die Auseinandersetzung mit dem, was in Wiesmoor zu entwickeln sei, habe bereits der Stadt genützt und „einen Prozess in Gang gesetzt“. „Ernsthaftes Interesse und bereits sehr konkrete Überlegungen“, signalisierte Jan-Peter Bechtluft, der Bürgermeister von Papenburg, man habe das Ergebnis von Bad Essen abwarten wollen und würde das nun auswerten. Auch Helmstedt bliebe weiter am Ball, signalisierten die anwesenden Vertreter. Auch zwei Schlösser sind Teil von Bewerbungsüberlegungen – Schloss Clemenswerth (Gemeinde Sögel im Emsland) und Schloss Gödens (Gemeinde Sande) sind Teil von recht konkreten Überlegungen kleinerer Gemeinden, die allerdings mit weiteren Fakten unterfüttert werden müssten, hieß es.

Ob sich an der in Niedersachsen für derartige Projekte ja doch recht „schmalen Förderkulisse“ mittelfristig etwas ändern würde, fragte Thomas Ostermeyer, der Vorsitzende der Landesgruppe Niedersachsen/Bremen des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla). Man werde unterstützen, wo man könne und Kontakte zu anderen Ministerien vermitteln, versicherte Alexander Burgath, einen eigenen Haushaltstitel jedoch werde es angesichts der angespannten Haushaltslage nicht geben.

Der Gartenbaureferent des ML, Alexander Burgath, freut sich über die Zusicherung von Günter Harmeyers, als "Botschafter" für weitere Gartenschauen zur Verfügung zu stehen. Für Bad Essen habe sich die Investition in die Kuranlagen mit den Förderungen "deutlich gerechnet", sagte Harmeyer, die Gemeinde hat rund drei Millionen Euro investiert, etwa eine Million an Zuschüssen erhalten, bleiben rund zwei Millionen für die Gemeinde, für „eine Investition, die für die Zukunft des Heilbades zwingend war“, so Harmeyer. Nach den Erfahrungen wolle er "sehr gern Werbung für weitere Landesgartenschauen in Niedersachsen" machen. Die Konzentration auf die beiden Standorte habe funktioniert, der Busshuttle umrundete fast fünfmal die Erde und das von manchen befürchtete Verkehrschaos in Bad Essen blieb auch an besucherstarken Tagen aus. Es herrsche eine anhaltend positive Stimmung in der Bad Essener Bürgerschaft und er habe gelernt, dass eine "aktive Bürgerbeteiligung" ermöglicht, solche Projekte auch in kleineren Orten im ländlichen Raum erfolgreich durchzuführen.

Die Strategie, Großveranstaltungen in den Landkreis Osnabrück zu holen, sei aufgegangen, betonte Dr. Reinhold  Kassing, der Vorsitzende der Tourismusverbandes Osnabrücker Land und Erster Kreisrat in Hannover. „Das war nicht nur die Landesgartenschau Bad Essen, sondern das war die Landesgartenschau Bad Essen im Osnabrücker Land!" Deswegen habe er sich auch für den Zuschuss von 750000 für die Durchführung stark eingesetzt, so Kassing. Ein „ganz neuer Markt" sei seines Erachtens nach für ein derartiges Ereignis nicht zu erschließen, doch man habe sich sehr erfolgreich auf die "bisherigen touristischen Zielgebiete in ganz Niedersachsen, NRW, Ruhrgebiet und auch in den Niederlanden" orientiert und die entsprechende Untersuchung der Industrie- und Handelskammer Osnabrück (IHK) habe ergeben, dass die Rechnung aufgegangen sei: 24 Millionen volkswirtschaftlichen Gewinn für die Region rechnete die aus. In Bad Essen war das Durchschnittsalter um die 60 und zu zwei Dritteln die Besucher weiblich, in Hemer hingegen durch eine offensive Eventpolitik deutlich jünger - um 40.

„Wir schauen mit großem Optimismus in die Zukunft der niedersächsischen Landesgartenschauen! Ein so deutliches Interesse so zahlreicher Bewerber – und es sind noch gar nicht alle Interessenten in Hannover dabei gewesen – zeigt die Schlagkraft dieses Instrumentes, Kommunen zukunftsfähig zu machen“, sagte Uwe Krebs, der Präsident des Verbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Niedersachsen-Bremen. Und Siegfried Dann, Vorsitzender des Aufsichtsrates der FLN, warb: „Sie sollten mit Mut auf weitere Projekte zugehen! Gartenschauen und Grün sind bei der Bevölkerung positiv besetzt – es geht um Lebensqualität!“

Interessierte Bewerberkommunen aus Niedersachsen können sich bei der Fördergesellschaft oder auch im Landwirtschaftsministerium in Hannover melden.

Text: Imma Schmidt, 23. November 2010 (rund 10.000 Zeichen)